Eigentlich hatte der Förderverein der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen geplant, die kritische Aufarbeitung der DDR-Geschichte mit dem „Walter-Linse-Preis“ zu entlohnen. Man hatte nur übersehen, dass der Namensgeber der Auszeichnung nicht nur Opfer des Stalinismus wurde, sondern 1940 in die NSDAP eingetreten war und sich im Nationalsozialismus maßgeblich an der Enteignung der jüdischen Bevölkerung beteiligte.
Unumstritten ist, dass der Rechtswissenschaftler Walter Linse [1903-1953] ab 1938 in der Industrie- und Handelskammer [IHK] Chemnitz als „Arisierungsbeauftragter“ tätig war, über konkrete Taten ist hingegen schon im Sommer ein heftiger Streit entbrannt. Laut taz-Bericht, formuliert der Politikwissenschaftler Benno Kirsch in einer Studie über Linse vorsichtig, diesem würden zwar Schuldgefühle unterstellt, aber er war „doch Teil des Verfolgungsapparats. Er konnte sehen, was geschah, und er hat nicht Nein gesagt.“ Anstatt dies zum Anlass zu nehmen von Walter Linse als Namenspatron abzusehen, wurde seine Person in aller Öffentlichkeit zum Widerstandskämpfer stilisiert und wie die Welt zu berichten weiß, rückt auch Kirsch seinen Forschungsgegenstand in selbiger Untersuchung abschließend verharmlosend aus der Riege der Täter: „Sein Widerstand war zwar nicht von der Art einer Sophie Scholl oder eines Georg Elser, das entsprach nicht seinem Naturell. [...] Die Taten, mit denen sich Linse gegen das Regime stellte, wiegen schwerer als jene, in denen er sich als Mitläufer, womöglich – wir wissen es nicht – als Profiteur erwies.“ In seinen weiteren Ausführungen heißt es, „dass man Linses Verhalten im Nationalsozialismus summarisch – bei aller Kritik – positiv bewerten kann: Er hat inmitten der moralischen Vergiftung, die die Deutschen durch die Nazis erlitten hatten, seine Integrität bewahren können.“ Spätestens hier wird deutlich, welcher Grundtenor der Betrachtung zu Grunde liegt: die „Deutschen“ werden zum „Opfer“, die „Nazis“ zum „Hitler“.
In einer Kurzexpertise des Historikers Klaus Bästlein wird eine Reihe falscher Behauptungen Kirschs entkräftet. Dieser muss sich den Vorwurf gefallen lassen, ihm würden „grundlegende Kenntnisse der NS-Judenverfolgung fehlen“ und er hätte weder Akten richtig studiert, noch Quellenkritik geübt. Seine Ausführungen erweisen sich überwiegend als haltlos und entsprechen der eigenen Intention. Da nützt es wenig, dass sich widerum der Historiker Michael Rudloff genötigt sieht in den „Historikerstreit“ einzusteigen und, laut Welt, in einer Sendung des RBB pauschal verlautbart: „Alles was ich von Linse kenne, deutet darauf hin, dass er auf keinen Fall Antisemit war.“ Kurz darauf legt er im Tagesspiegel nach, sieht die Gefahr einer Vorverurteilung von NS-Tätern und verkündet die lang erwartete „Wahrheit über Walter Linse“. Der „Held“ von West-Berlin, hinterrücks von der Stasi entführt und ermordet, habe Widerstand gegen das NS-Regime geleistet, indem er in „mindestens zwei Fällen“ Verschleppungen von Juden abwendete. Die Debatte dreht sich im Kreis. Bästlein hatte sich nicht wie Rudloff polemisierend vor die Fernsehkameras gedrängt, sondern Archivmaterial durchkämmt, um kurzerhand das Gegenteil dieser Darstellung zu beweisen. Die geplanten Preisverleihung werden nun noch etwas auf sich warten lassen. Die Gedenkstätte Hohenschönhausen hat das Institut für Zeitgeschichte [IfZ] in München um ein eigenes Gutachten gebeten hat und will auch die Rolle der IHK Chemnitz geklärt wissen.
Unabhängig davon, welche grotesken Formen die öffentliche Debatte über die Biografie Linses und das „Gedenken“ an ihn weiterhin nehmen wird – seine Kritiker haben einen deutlichen Vorsprung: 2008 wird die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung „Hohenschönhausen-Preis“ heißen.